Wingsuiter

Klassenzimmer (3)

Wingsuit-Unfälle: 

Identifizierung und Vermeidung der häufigsten Fehler

geschrieben von Matt Gerdes,  übersetzt von Jacqueline Gasché 

veröffentlicht am 21.02.2020


Wingsuits verleihen dem Fallschirmspringen enormes Potenzial. Ein Wingsuiter ist in der Lage, deutlich weiter und mit viel höherer horizontaler Geschwindigkeit zu fliegen, als das bei jeder anderen Art von Sprung möglich ist. Er kann vertikal im Head-Down mit über 300 km/h fliegen oder sich ganz flach machen und kaum mehr als 8 km/h zurücklegen... oder auch beides in einem einzigen Fallschirmsprung! 

Der Preis für diesen enormen Vorteil ist jedoch ein erhöhtes Risiko und eine sehr große Komplexität innerhalb dieser Disziplin. Das bedeutet, dass Wingsuiter mehr Training und Ausbildung benötigen, als andere Springer, um das gleiche Sicherheitsniveau zu erreichen. 
Im Folgenden wird beschrieben, welche Dinge im Allgemeinen für selbstgefällige oder schlecht ausgebildete Wingsuit-Piloten schief gehen:

Kollision mit dem Flugzeug

Leitwerk-Berührungen haben bereits mehrere Todesopfer gefordert, und erst kürzlich ereignete sich in Frankreich ein tragischer Unfall, als ein Flugzeug und ein Wingsuiter im Freifall kollidierten. Eine solche Kollision passiert leichter (und Beinahezusammenstöße sind noch viel häufiger), als viele Menschen denken. Sie zu vermeiden erfordert Aufwand und Planung.

Prävention

Neben einem korrekten Exit, wie ihr es beim First-Flight-Kurs gelernt habt (nicht hochspringen, Arm- und Beinflügel geschlossen lassen), ist die Kommunikation mit dem Flugzeugpiloten unerlässlich. Vergewissert euch zunächst, dass der Pilot überhaupt weiß, dass sich Wingsuiter im Flugzeug befinden, und sprecht mit ihm über alle wichtigen Details beim Exit. Es sollte sichergestellt sein, dass der Pilot die Geschwindigkeit angemessen drosselt, den Schub herausnimmt und geradeaus fliegt, damit die Wingsuiter das Flugzeug sicher verlassen können.

Im Video "Jump Run for Wingsuits" von Next-Level-Flight (Link #1 am Ende des Artikels) erklären Absetzpiloten, wie diese Konfigurationen aussehen sollten. 


Geht nicht einfach davon aus, dass beim Exit die geplanten und besprochenen Parameter für euren Absprung korrekt sind. Überprüft es! Zwar ist es die Entscheidung des Piloten, wie er das Flugzeug am besten fliegt, doch es ist eure Entscheidung, ob ihr springt oder nicht.

Redet mit dem Piloten über euer Pattern: sagt ihm, wohin ihr fliegt und fragt nach, wo das Flugzeug in den Sinkflug geht. „Communication is key“ - Kommunikation ist der Schlüssel: Geht niemals einfach davon aus, dass die Exit-Konfiguratuion auch tatsächlich passt oder dass der Pilot "schon wissen wird", welches Pattern ihr fliegt. 

Fliegen im Jumprun

Das Fliegen im Jumprun ist bei einem Formationssprung die erstbeste Gelegenheit für eine schwere Kollision. Beim Verlassen des Flugzeugs (und damit beim Eintritt in den relativen Wind) gibt es für einen Springer viele Möglichkeiten, instabil zu werden: Er kann sich zum Beispiel asymmetrisch dem Luftstrom präsentieren, er selbst oder ein Teil seiner Ausrüstung kann gegen die Tür stoßen oder sich daran verhaken, oder er kann auf andere Weise die Kontrolle über den Exit verlieren. 

In all diesen Fällen wird die Flugbahn des Springers mit großer Wahrscheinlichkeit in einem engen Kegel direkt unter das Flugzeug führen. Wingsuiter, die vorher ausgestiegen sind (die Anführer der Gruppe oder eine bereits zuvor ausgestiegene Gruppe), und die auf dem Jumprun fliegen, befinden sich dann exakt in der Flugbahn des Wingsuiters, der einen instabilen Exit hatte. Viele Unfälle und sogar Todesfälle haben sich bereits in genau diesem Szenario ereignet.

Prävention

Der führende Springer (Basis) sollte immer mindestens in einem Winkel von 30-45 Grad zum Jumprun (weg vom vom Flugzeug) fliegen. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um einen Zweier- oder einen 20er Sprung handelt! Die Basis sollte den Flug auch in einem Winkel weg vom Flugzeug fortsetzen und dabei die gesamte Gruppe, die ihr folgt sowie die geplante Flugroute im Auge behalten.

Stall (Strömungsabriss) über der Formation

Sich einer Formation zu nähern oder einen Slot über jemand anderem zu fliegen, ist immer gefährlich, besonders bei niedrigeren Fluggeschwindigkeiten. Von oben mit dem Kopf voran auf einen Mitspringer zu stürzen kann schlimmer sein, als aus einem Fenster im zweiten Stock zu springen.

Prävention

Tut das nicht! Seid euch darüber im Klaren, was es bedeutet, „auf Level“ zu sein. Vor allem im Zusammenhang mit der Wirbelschleppe („Burble“), die jeder Springer verursacht.Wenn ihr das Gefühl habt, nahe an einen Strömungsabriss („Stall“) zu kommen, dann bewegt euch seitlich aus der Formation heraus. Beim Stall verliert der Springer die Kontrolle über seine Wingsuit, weil sämtliche Inputs ohne angemessene Fluggeschwindigkeit nutzlos sind. Fliegen mit sehr geringer Geschwindigkeit ist gefährlich!

Infografik 1
Infografik 2

Nicht „auf Level“ sein

"Auf Level" ... oh, was für ein Spaß ist die Auslegung dieses Begriffs!
 Beim Fallschirmspringen – vor allem beim Wingsuit-fliegen– bedeutet auf Level sein nicht, dass die Springer auf einer Ebene parallel zum Horizont sind; es bedeutet viel mehr, dass die Springer weder ihre Freunde „burblen“noch in die Burble (Wirbelschleppe)ihrer Freunde hineinfliegen. Das Level ändert sich mit dem Pattern des Sprungs. Im Falle einer übereinander fliegenden (gestapelten)Formation bedeutet auf Level zu sein, dass der Springer über euch in der Formation nach vorne versetzt fliegen muss, manchmal sogar um einiges (dies variiert mit dem Gleitwinkel und der Geschwindigkeit der Formation).

Prävention

Eine Faustformel: Wenn jemand über euchfliegt, sollte er im Allgemeinen so weit vor euch sein, dass sein Bauchnabel in Höhe eures Kopfes ist. Die Formation sollte sich vor der Basis "nach vorne lehnen". Dies ist der wichtigste Faktor für den Aufbau einer erfolgreich übereinander fliegenden Formation. 

Wenn ihr nicht auf Level seid, gelangt ihr in eine Burble. Und wenn das in einer – in mehreren Reihen übereinander fliegenden –Formation geschieht, ihr dadurch die Kontrolle über die Wingsuit verliert, euren Slot verlasst und einen anderen Springer trefft, dann hat das höchstwahrscheinlich ein Dominoeffekt von Kollisionen zur Folge. Auf diese Weise werden Menschen verletzt. 

Lernt, wie man auf Level fliegt und in seinem Slot bleibt. Und macht euch bewusst, welche Konsequenzen es hat, weit oben in einer gestapelten Formation die Kontrolle über seine Wingsuit zu verlieren. Ihr habt jeder Formation echte Verantwortung!

Gruppe Wingsuitflieger

Transitions fliegen über Mitspringern

Es ist zu keiner Zeit erlaubt, Transitions (Übergänge von einer Position zur nächsten) zu fliegen, während man über jemandem fliegt – Es sei denn, man hat das Manöver sorgfältig geübt und beherrscht es.

Genauso verboten ist es, in einem ungünstigen Winkel neben jemand anderem eine Transition zu fliegen, dabei aus der Achse zu geraten und dadurch seitlich in seinen Nebenmann oder seine Nebenfrau zu krachen.

Prävention

Transitions immer zur Seite und nach unten – weg vom anderen Springer fliegen. So vermeidet ihr, dass ein eventueller Kontrollverlust während des Manövers zum Risiko für die gesamte Gruppe wird.

Wingsuit-Transition

Kontrollverlust innerhalb einer Formation

Dies tritt am häufigsten auf, wenn jemand innerhalb der Formation das Gefühl hat, dass ihre Geschwindigkeit unangenehm langsam oder schnell ist, oder sich der Winkel unerreichbar anfühlt. Doch es gibt keine Entschuldigung dafür, die Kontrolle über die Wingsuit zu verlieren. 

Prävention

Auf keinen Fall die Formation verlassen!

Wenn die Geschwindigkeit der Gruppe für euchnicht passt, und ihr sie nicht halten könnt, dann weicht zur Seite hin aus und folgt der Formation in kurzer aber sicheren Entfernung. Versucht nicht, um jeden Preis mitzuhalten, denn dadurch riskiert ihr, die Kontrolle zu verlieren. Niemals einfach die Formation verlassen und „euer eigenes Ding“ machen, sondern haltet euch an das geplante Pattern. Wenn ihr Schwierigkeiten habt, an eure Gruppe heranzukommen, dann versucht es schrittweise, und und lasst immer genügend Abstand, um notfalls zur Seite ausweichen zu können, falls der Anflug nicht wie geplant funktioniert.

Die Formation verlassen

Die einzige Möglichkeit, einen sicheren Formationssprung – einen, der ein vorab festgelegtes Pattern und eine festgelegte Separation hat– zu haben, ist, wenn alle in der Gruppe bleiben. Wer die Formation verlässt, wird zur Gefahr für den Rest der Gruppe: Die anderen wissen nicht, wohin ihr fliegt, wo ihr euren Fallschirm öffnet oder in welche Richtung euer Schirm sich öffnet.

Prävention

Wenn ihr zurückfallt, folgtder „virtuellen Rauchspur“ der Formation und führt eure Separation und die Öffnungin der abgesprochenen Höhe durch. Wenn ihr aus der Formation fallt, findet sie, beobachtet sie von der Seite und folgt ihrer Spur.

Flaren bei der Schirmöffnung

Flaren (Verlangsamung der Sinkgeschwindigkeit), macht Spaß, und es macht Spaß, das auszuprobieren undzu üben! Allerdings ist die schnelle Veränderung der vertikalen Geschwindigkeit eine häufige Ursache für Unfälle und Beinaheunfälle. Geht nicht einfach davon aus, dass niemand um euch herum ist, nur weil ihr euch aus der Formation gelöst habt. Ihr habt keine Augen am Hinterkopf! Es könnte sich jemand hinter oder über euch befinden.

Prävention

Wenn ihr eine Formation verlasst und euch nicht sicher seid, wo sich jedes einzelne Mitglied Ihrer Gruppe befindet, dann solltet ihr auf keinen Fall stark flaren. Wenn ihr dabei jemanden trefft, der über euch fliegt, kann die Kollisionsgeschwindigkeit tödlich sein.

Interagierende Gruppen

Wenn sich mehr als eine Gruppe im Flugzeug befindet und sie im Freifall zu nahe kommen, kann das verehrende Folgen haben.

Prävention

Wenn sich mehrere Wingsuit-Gruppen im Flugzeug befinden, ist es unerlässlich, dass die Organisatoren ihre Pattern und Öffnungsbereiche so festlegen und abstimmen, dass sie eine saubere vertikale und horizontale Separation ermöglichen. Die Flugbahnen sollten sichvom Exit bis zur Öffnung niemals kreuzen. 


Im englischsprachigen Artikel "Wingsuit Progression Part Three: A Wingsuit Skydive From Start to Finish" von Matt Gerdes und Taya Weiss (Link #2 am Ende des Artikels) findet ihr weitere wertvolle Informationen dazu. 

Kappenkollisionen

Kappenkollisionen – ob mit einer anderen Kappe oder einem anderen Springer im Freifall – sind oft tödlich. Darum wird es an keiner Dropzone gern gesehen, wenn ihr tief pullt oder bei viel „Flugverkehr“ wild und unvorhersehbar im Freifall oder am Schirm herumalbert.

Prävention

Wenn ihr euch im freien Fall befindet und euch der Separationshöhe nähert, dann nähert ihr euch naturgemäß auch anderen Springern und Fallschirmen in der Luft. Dies ist nicht der beste Zeitpunkt, sich auf den Rücken zu legen und sich und seine Freunde zu feiern! 

Pullen in spätestens 1000 Metern ist selbst für den erfahrensten Wingsuitpiloten eine gute Idee. Fliegt ein berechnbares Landepattern!

Fast alle Wingsuiter entscheiden sich mittlerweile für sehr gutmütige Siebenzeller-Fallschirme. Natürlich spielt man mit diesen netten Schirmchen gerne herum, fliegt lockere Kappenformationen oder macht Stall-Übungen. Das ist prinzipiell richtig und wichtig. Aber bitte plant solche Übungen in Bereichen mit wenig Verkehr am Himmel und klärt dies vorher mit der Dropzone, beziehungsweise der Sprungdienstleitung.

Abwürfe (Cutaways) 

Wingsuits machen einen Fallschirmsprung komplizierter, und zu keinem Zeitpunkt ist dies offensichtlicher, als bei der Schirmöffnung. Wingsuit-Cutaways sind ernstzunehmende Notsituationen, und ihr solltet alles dafür tun, solche zu vermeiden.

Prävention

Vorbereitung ist das A und O. Macht euch mit eurer Ausrüstung, und deren Flugeigenschaften vertraut und trainiert eure Körperhaltung und die Symmetrie, die ihr für einen sicheren Übergang vom Wingsuit-Flug zur Schirmfahrt braucht. 

Im englischsprachigen Artikel "Wingsuit Deployments" (erster und zweiter Teil), von Matt Gerdes (Link #3 am Ende des Artikels) findet ihr weitere wertvolle Informationen dazu. 

Außenlandungen

Uncoole Geschichte: Ein erfahrener Wingsuit-LO, der auf einem Wingsuit-Event jeden Sprung auf dem Rücken führte, hatte bei 17 von 22 Sprüngen, die er während dieses Events machte, eine Außenlandung. Sei nicht wie diese Person! 

Prävention

Kein Coach oder Load-Organizer ist perfekt, aber jeder sollte nach Perfektion streben, besonders wenn er Gruppen leitet. Euer Bestreben sollte es sein, nicht nur einfach irgendwo auf der Dropzone zu landen, sondern in einem ganz bestimmten Teil der Landewiese. Das Fliegen mit einer Wingsuit sollte eure Chance, auf der Dropzone zu landen, nicht verringern, sondern erhöhen. Selbst bei einem schlechten Spot und starkem Wind kann man immer zum Platz zurückkommen, wenn man weiß, wo man sich beim Exit befindet. Alles, was man tun muss, ist, ist einen Plan zu haben und aufmerksam zu sein:

Kennt die Winde in Absetz- und Öffnungshöhe. Habt einen Plan, wohin ihr fliegen müsst, um anderen Gruppen auszuweichen. Fliegt vor den Wind in eurer geplantes Öffnungsgebiet. Sind die Sichtverhältnisse zu schlecht, um zur Dropzone zurück zu navigieren, dann landet wieder mit dem Flugzeug.

Links: 

#1: Video „Jump Run For Wingsuits“ von Next Level Flight: https://vimeo.com/257712556

#2: Artikel „Wingsuit Progression Part Three: A Wingsuit Skydive From Start To Finish“: https://parachutistonline.com/p/Article/wingsuit-progression-part-three-a-wingsuit-skydive-from-start-to-finish-an-incomplete-guide 

#3: Artikel „Wingsuit Deployments“: https://squirrel.ws/learn/wingsuit-deployments


Hinweis: Dieser Artikel wurde zuletzt im Parachutist #724 von Februar 2020 (print und online) veröffentlicht. Die Bilder stammen ebenfalls aus diesem Beitrag. Ich habe ihn gelesen und fand ihn so gut und wichtig, dass ich Matt gefragt habe, ob ich seinen Artikel übersetzen und auf Deutsch veröffentlichen darf. Er hat zugestimmt, und darüber freue ich mich sehr!

Kennst du einen englischsprachigen Artikel, der deiner Meinung nach unbedingt auf Deutsch veröffentlicht werden sollte? Dann schreib mir eine Nachricht. Ich gebe mein Bestes!

Matt Gerdes

Matt Gerdes 

ist der Gründer von Squirrel, Hersteller von Wingsuits und Ausrüstung und Autor des Buches “The Great Book of BASE.” Er ist Mitglied von „Next Level Flight“, einer Organisation, die sich für die Aus- und Weiterbildung von Wingsuit-Piloten und BASE Jumpern weltweit einsetzt.